Chaos im Netz: Interview mit Ralph Ruthe über Disney, Selbstironie und Synchronsprechen

Ralph und Vanellope sind zurück: Endlich ist in Deutschland der neueste Disney-Animationsfilm „Chaos im Netz“, das heiß ersehnte Sequel zu „Ralph reichts“, in den Kinos angelaufen. Im neuesten Abenteuer verlassen die beiden Videospiel-Charaktere ihre Spielewelt und reisen direkt ins Internet, um Vanellopes kaputtes Steuerrad des Arcade-Games „Sugar Rush“ zu ersetzen. Stichwort: eBay.

In der deutschen Synchronfassung von Disneys „Chaos im Netz“ haben einige bekannte Gesichter einen stimmlichen Gastauftritt – einer davon ist der bekannte Comic-Zeichner Ralph Ruthe, der im „Ralph reichts“-Sequel einen Online-Auktionator spricht. Auch bei Disney ist der Cartoonist kein Unbekannter: Bereits in Disneys „Zoomania“ sprach Ruthe Oryx, einen der nervigen Nachbarn von Judy Hopps.

In Berlin durfte ich mit Ralph Ruthe im Interview über Disney, die neue Selbstironie des Animationsstudios und seine Liebe zum Synchronsprechen sprechen.

Wann hat deine Liebe zu Disney angefangen – wenn es denn überhaupt eine Liebe zu Disney gibt?

Ja, also auf jeden Fall mit „Dschungelbuch“. Da haben mich meine Eltern reingeschleppt und ich glaube, da war ich sechs Jahre alt. Der lief ja eine Zeit lang immer noch im Kino. Inzwischen ist es normal, wenn 20 verschiedene Animationsproduktionen im Kino landen, aber ich kenne tatsächlich noch die Zeit als alle vier Jahre ein großer Disney-Film ins Kino kam. Und als ich „Dschungelbuch“ gesehen habe, war das glaube ich noch nicht mal der Rhythmus. Ich glaube, das war damals auch völlig utopisch, dass irgendjemand geglaubt hat, dass das schneller möglich ist. Und der Film hat mich vollkommen geflasht. Ich habe das gar nicht verstanden, wie sowas möglich ist – und gleichzeitig sofort begriffen, wie sowas funktioniert.

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Ich habe zuhause dann versucht, Bewegungen zu imitieren auf Papier – also auf demselben Blatt versucht, die Charaktere in den Zwischenphasen zu zeichnen, wie sie sich anscheinend bewegen müssten, um dann dahin zu kommen, dass diese Bewegung entsteht. Es war alles falsch, aber das Interesse war geweckt. Und da ist auf jeden Fall die Liebe für den Disney-Film entstanden.

Was ist für dich das Besondere an Disney?

Dass sie es immer wieder schaffen, einem die maximal zwei oder drei Geschichten, die man erzählen kann, so zu verkaufen, dass man denkt, man hat etwas Neues gesehen. Und das meine ich aber total positiv, weil du kannst ja wirklich nur drei Geschichten erzählen. Klassisch ist immer die berühmte Heldenreise, die in den Filmen erzählt wird – das heißt: Irgendein Charakter befindet sich in einem Jetzt und einem Ist-Zustand, eine Veränderung tritt auf, er muss sich in einer Form auf einen Weg machen – egal ob körperlich, dass er irgendwohin reist oder einfach nur emotional, um eine neue Version von sich zu erschaffen, die besser, schlechter, in irgendeiner Form anders ist. Und zum Schluss haben die Figuren irgendeine Entwicklung durchgemacht und vielleicht noch was gelernt. Und wo das stattfindet und wie das visuell umgesetzt ist, ist eigentlich dann immer nur Beiwerk.

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Vorhin hat ein Journalist gesagt: „Ja, dieser Film handelt vom Internet“. Ich hab gesagt: „Nee, es geht gar nicht ums Internet. Der Film spielt im Internet, aber es geht um Freundschaft und darum zu lernen, loszulassen“ – und das sind immer die klassischen großen Themen. Das machen die halt super – aber das machen sie halt nach wie vor.

Es gibt inzwischen so viele Animationsfilme, ich sag mal als schlechtestes Beispiel für mich „Die Minions“, wo aus einem ursprünglichen Franchise wie „Ich, Einfach Unverbesserlich“, bei dem man sich noch Mühe gegeben hat, die Geschichte zu erzählen, nur noch so Spin-offs entstehen, wo so Gags abgefeuert werden, aber es geht um nichts mehr. Ich gehe da raus und es ist wie Pommes Essen. Ja, man hat eben was zu sich genommen, und das war jetzt auch nicht ekelhaft, aber was hat es eigentlich mit mir gemacht? Nix. Und das ist total bescheuert. Und nach einem Disney-Film hat man trotzdem immer noch das Gefühl, dass man Teil von einer Geschichte war und dass die Figuren atmen. Das habe ich tatsächlich wirklich: Ich habe immer noch das Gefühl, dass die sich ganz ganz viel Mühe geben, dass diese Charaktere glaubwürdig sind.

Hältst du es für einen cleveren Schachzug, dass Disney sich im Dauerfeuerwerk selbst zitiert?

Es funktioniert für diesen Film. Der Film spielt im Internet und das Internet, so wie wir es nutzen, lebt ja auch viel von Memes und Zitaten und Popkultur. Natürlich kann man auch alles andere mit dem Internet machen, man kann es rein für Recherche nutzen. Aber dieser Film ist – wie kein anderer Disney-Film – ein Produkt seiner Zeit. Der wird in zehn Jahren so nicht mehr funktionieren. Wenn jemand, der acht oder neun Jahre alt ist, den Film in zehn Jahren dann guckt, sagt er dann: „Was zur Hölle ist das und was zur Hölle ist das?“. Das kennt man dann einfach nicht mehr, und man nutzt das Netz wahrscheinlich auch nicht mehr so. Das hat dann wahrscheinlich eher so einen Retro-Charme. Aber in dem Kontext funktioniert das super, auch mit den ganzen Katzenvideos, so muss der Film ja sein.

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Die Selbstironie da drin ist perfekt – ich hab’s vorhin schon mal gesagt, diese Szene mit den Disney-Prinzessinnen hat mich total umgehauen, von der gesamten Anlage her, von der Kritik eigentlich an sich selbst und der Art und Weise, wie Disney mit Frauenfiguren umgeht. Das ist eigentlich ein Statement für Feminismus, es ist trotzdem ein unglaublich kunstvoll umgesetzter Dialog. Alle Charaktere sind in ihrem „Character“, die sind wirklich die Charaktere, die wir aus den Filmen kennen.
Und dazwischen sitzt halt Vanellope als „Wir“, sie spiegelt das Ganze: „Wer sind eigentlich diese Figuren? Warum sind sie so?“. Das ist alles so ins Jetzt geholt, wenn die dann da sitzen in ihren Casual-Klamotten, da habe ich wirklich durchgelacht. Das war so toll. Und in einem Film, der vom Internet handelt, kann man, glaube ich, wirklich nur mit dieser Selbstironie arbeiten.

Du bist Comiczeichner – aber du zeichnest ja nicht nur, sondern du sprichst ja auch in „Chaos im Netz“. Du hattest ja bei Disneys „Zoomania“ eine Rolle gesprochen, nämlich einer der nervigen Nachbarn von Judy. Dieses Mal bist du „Online-Auktionator“ – und ich habe gehört, dass du relativ proaktiv auf Disney zugegangen bist bzw. gesagt hast „Hätte ich Bock drauf!“. Warum?

Ich spreche die Charaktere in meinen Videos selbst, weil ich immer auch schon Lust hatte, Voice Actor zu sein, und habe mir den Traum eigentlich mit meinen eigenen Videos erfüllt – und sehe mich auch eigentlich vielmehr als Komiker als als Zeichner – sowohl vom Schreiben her als auch vom Darstellen der Figuren. Ich habe ja auch eine Liveshow, in der ich auf der Bühne stehe vor Leuten und die unterhalte. Und das war immer Teil von dem, was ich gedacht habe, was ich sein möchte.

Vor drei Jahren hatte ich wegen was ganz anderem mit Disney zu tun, die hatten ein neues Magazin herausgebracht und ich hatte da was dafür gemacht. Ich hatte dann mehr in so nem Nebensatz über einen Disney-Kontakt gesagt: „Boah, ich hätte übrigens total Lust mal eine Rolle in einem Disney-Film zu sprechen!“. Und dann haben sie sich gemeldet bei mir und haben gesagt: „Ja, wenn du Lust hast, mach‘ doch mal!“.
Das ist natürlich ’ne Win-Win-Situation für alle, weil die wissen auch, dass ich eine recht große Reichweite im Internet habe – und wenn ich kommuniziere, dass ich den Film gut finde, haben alle was davon. Gleichzeitig andersrum sehen Leute: „Ruthe hat ’ne Rolle in ’nem Disney-Film gesprochen“. Das ist für alle Seiten schön.

Synchronarbeiten mit Ralph Ruthe zu Disney´s "Chaos im Netz"

Nachdem das gut funktioniert hat, haben die, glaube ich, erst kapiert, dass ich sowas auch schon mal gemacht habe. Weil die haben am Anfang gedacht: „Okay, da ist dann dieser Cartoonist und der will jetzt mal ’ne Rolle sprechen. Wir geben dem mal diese kleine Rolle“ – und tatsächlich haben sich dann erst Leute bei Disney auseinandergesetzt und gesehen: „Ach so, der spricht ja die Charaktere in seinen Videos selbst!“.
Und ich habe dann irgendwann mal ein Showreel gebastelt, wo ich hintereinander geschnitten habe, was ich da eigentlich alles spreche. Ich glaube, dann haben sie gesehen, dass ich auch eine gewisse Bandbreite habe, und haben gemerkt: „Der könnte das“ – ohne jetzt sagen zu wollen, dass das vom Acting her sehr tiefgründig ist, aber „Der spricht schon schnell und rhythmisch, wahrscheinlich hätte es nicht jeder gekonnt“.

Und das passte zu mir aber sehr gut. Und ja, da ist wieder alles zusammengekommen. Da haben die gesagt: „Okay, es hat letztes Mal gut funktioniert, wahrscheinlich hat’s dem Film auch nicht geschadet, auch dass er darüber geschrieben hat auf seiner Facebook-Seite. Er hat’s auch nicht total verbockt, lassen wir ihn es nochmal machen“. Meine große Hoffnung ist natürlich, dass ich irgendwann mindestens ’ne etwas größere Nebenrolle sprechen darf.

Es ist einfach so: Synchro – ich bin eigentlich kein großer Fan davon, ich persönlich gucke Sachen lieber im Original, gerade bei Comedy, weil das eben vom Timing lebt. Aber Disney macht’s halt perfekt. Was man ja auch bei der deutschen Stimme von Vanellope (Anmerkung: Anna Fischer) sieht – die haben sich jetzt nicht die bekannteste Schauspielerin genommen, sondern die, die es am Besten macht. Und das ist wirklich toll. Die ist so nah an Sarah Silverman – und daher glaube ich, werden die immer die Leute danach aussuchen, wie sie am Besten zu den Rollen passen. Bis das nicht passiert, dass es einen Character gibt, wo sie sagen „Ah ja das ist Ruthe! Das muss der machen!“, wird das wahrscheinlich nicht kommen, ist aber auch nicht schlimm.

Danke für das tolle Interview!

Bilder: Disney / Kurt Krieger

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