Toy Story 3: Pixars neuer Groove


Achtung, Spoiler voraus!

Vor wenigen Tagen war es nach zahlreichen Hustenanfällen endlich soweit: Ich hatte Kinokarten für „Toy Story 3“ in meinem Kino um die Ecke reserviert, dank einem kleinen Zufall sogar für die Spätvorstellung um 23 Uhr. Juhu, keine nervösen Kinder, die während des Films pausenlos ihre Eltern fragen, warum denn der Cowboy plötzlich sprechen kann oder dies oder jenes nun macht. Kein hysterisch-gespieltes Lachen bei Slapstick-Gags, wie es schon bei vielen besuchten Disneyfilm-Vorstellungen um 17 Uhr der Fall war. Einfach nur den Film ganz entspannt genießen. Dass ich jedoch mit meiner Begleitung sogar den ganzen Kinosaal für mich alleine haben sollte, hätte ich wirklich nicht gedacht. Das ist zum einen schade, weil es wieder einmal zeigt, dass zwei Wochen nach Deutschlandstart der nun erfolgreichste Animationsfilm weltweit vielleicht nicht die Aufmerksamkeit erhält, die er eigentlich bekommen sollte – wie auch schon bei Pixars Perle „Oben“ im letzten Jahr. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass eine Privatvorstellung absolut nicht zu verachten ist, ganz besonders bei einem brandneuen Pixar-Film.

Ein Unterschied wie „Tag und Nacht“
Vor dem Film konnte mir man an der Kinokasse nicht im Vorfeld bestätigen, ob der von mir heißerwartete Kurzfilm „Day & Night“ auch wirklich gezeigt wurde – immer diese Unwissenden. So saß ich dann in der Werbung ganz gespannt im Saal und wär vor Freude fast vom Sitz gesprungen, als die zwei Tag und Nacht-Comicfiguren dann tatsächlich über die Leinwand flimmerten. Was für ein grandioser Kurzfilm, der von Kreativität nur so sprüht! Die Kombination aus klassischen Kurzcartoons und der neuesten 3D-Technologie zündet von der ersten Minute an und lässt den Zuschauer fasziniert zuschauen, wie gekonnt hier 3D-Effekte mit 2D-Animationen verbunden werden. Inhaltlich ist besonders die Idee von „Tag trifft Nacht“ sehr kreativ umgesetzt, in dem sie die Vorteile der jeweils anderen Tageszeit für sich entdecken und nicht zuletzt auch durchaus neidisch auf den Tageszeitpartner blicken. So trifft ein Regenbogen am Tag auf ein schillerndes Feuerwerk in der Nacht, Strandblondine trifft Glühwürmchenschwarm. Der wohl aber erleuchtenste Moment des Kurzfilms ist jedoch die Dämmerung, in der beide Tageszeiten für einen Moment während Sonnenauf- und Sonnenuntergang gleich sind, um anschließend ihre Rollen zu tauschen und die soeben gesehenen Eigenschaften des Tags und der Nacht selbst zu erleben. Das war definitiv ein Moment, in dem ich in meinem flauschigen Kinosessel saß und dachte „Wow, wie toll ist das denn!“. „Day & Night“ ist sicherlich einer der besten Kurzfilme, die Pixar kreiert hat – nicht zuletzt durch seine Spielart, 3D kreativ und gezielt auf den Punkt dann einzusetzen, wenn es wirklich den gewünschten großen Effekt letztendlich auch erzielt. Besonders in Zeiten der großen Welle, in der alle kommenden Filme in Trailern derzeit das Publikum nur so mit dem Begriff 3D bewerfen, ist „Day and Night“ eine willkommende Abwechslung – aber ganz besonders ist der Kurzfilm ein Exempel und Statement Pixars an die restliche Filmindustrie. Statt unnötiger und dürftiger Nachkonvertierungen wünscht man sich nun umso mehr, dass Produzenten und Regisseure ihre technischen Möglichkeiten nur halb so kreativ einsetzen würden. Vielleicht ist das im wahrsten Sinne des Wortes auch eine Art Unterschied wie „Tag und Nacht“ zu anderen 3D-Filmen. Das ist wahre Kunst – Danke, Pixar.

Vom typischen Toy Story-Film zum Gefängnis-Thriller
Nach diesem unglaublichen Kurzfilmerlebnis wuchs die Vorfreude auf den dritten Teil der „Toy Story“-Reihe als eigentliches Highlight der Nacht. Ich hatte aufgrund der vielen hochpreisenden Reviews im Vorfeld hohe Erwartungen an den Film, die voll und ganz auch erfüllt worden sind. So beginnt „Toy Story 3“ recht gemächlich und nimmt dramaturgisch erst im Verlauf seiner 103 minütigen Laufzeit an Fahrt auf, die dann erst in den letzten 25 Minuten bis auf’s Äußerste gedrosselt werden. Das liegt vorallem an den verschiedenen Schichten im Film, die „Toy Story 3“ nach und nach für den Zuschauer entblättert. Zu Beginn erscheint der dritte Teil mit seinem abenteuerlichen Westernabenteuer-Beginn für den Besucher wie ein typischer Toy Story-Film – denkt man hier nur an den furiosen Zurg-Auftakt des zweiten Teils-, wenn auch schon hier gespickt mit einer großen Portion Abschied- und Erwachsenwerden-Thematik. Diese anfängliche Gemächlichkeit ist in meinen Augen dabei ein kleiner Schwachpunkt des Films, da die Reise von Andys Zimmer nach Sunnydale etwas straffer noch inszeniert hätte werden können. Andy geht auf’s College und hat die schwere Entscheidung, welche Spielzeuge mit ins College kommen und welche letztendlich mit dem Christbaumschmuck auf dem Dachboden bleiben. Wie der Zufall es so will, landen die Spielzeuge jedoch nicht dort, sondern wandern in die Kindertagesstätte Sunnydale aus – in der Hoffnung, dass sie dort die Chance bekommen, wieder von Kindern geliebt zu werden. Doch genau hier fängt für die Spielzeuge der Albtraum erst an, da die Spielzeuge nicht in der liebevollen Schmetterlings-, sondern in der rüpelhaften Raupengruppe landen, was nicht zuletzt am „Mafia-Paten“ der Kindertagesstätte Lotso Knuddelbär liegt. Zuerst nett und knuddelig, stellt sich schnell heraus, dass Lotso alle Fäden fest in der Hand hält, die Kita wird zum Knast.
An diesem Punkt wird der gemächlich angefangene dritte Teil zu einem doch recht abenteuerlich und stellenweise doch ziemlich knackigen Gefängnisfilm, in dem Buzz Lightyear & Co. alles daran setzen, auszubrechen. Pixar führt vor, dass es sich bei dem Film zwar um einen familientauglichen Spaß handelt, der aber durchaus seine erwachsenen und gleichzeitig auch sehr unheimlichen Momente auch besitzt. Der Ausbruch selbst ist dabei gespickt mit vielen Anspielungen an andere Klassiker mit Gefängnisthematik und gestaltet sich dank der schönen Ausbruchsinszenierung mit einigen Überraschungseffekten mehr als spannend. Absolutes Highlight ist jedoch das fulminante Ende, in denen die Toys mit einer gigantischen Müllverbrennungsanlage konfrontiert werden. Der emotionale Moment, in dem die kleine „Spielzeug-Familie“ schier aussichtlos ihrem Ende ausgeliefert sind und sich ungewiss an den Händen halten, war da doch ziemlich nerven- und vorallem herzzerreissend.

Neue Spielzeuge und ein versöhnliches Ende
Die neuen Figuren für den dritten Teil sind absolute Gewinne für diesen Film, wenn auch Lotso vielleicht stellenweise über noch ein durchtriebeneres Wesen verfügen könnte, aber gut, wir befinden uns ja schließlich immer noch in einem Animationsfilm, der auch für Familien gemacht ist. Weitere Gründe für das „erwachsene Wesen“ des Films sind aber auch Charaktere wie das unheimliche Big Baby mit 360-Grad-Kopf-Exorzismus-Einlage oder der Überwachungsaffe, welcher sicherlich besonders kleineren Kinozuschauern den einen oder anderen Albtraum bescheren könnten. Neben Lotsos Gefährten sind es besonders die Spielzeuge des kleinen Mädchens Bonnie, die in „Toy Story 3“ punkten können. Irrsinnig ist vorallem Sepp Stachel, ein Plüschigel mit Lederhosen und großen theatralischen Ambitionen, der in der deutschen Synchro sicherlich durch seinen schweizer Akzent viele Lacher auf seiner Seite hat. Und wenn wir schon bei der kleinen Bonnie sind: Ihr liebenswerter Charakter schafft es, den Zuschauer trotz des sehr schmerzhaften Abschieds mit der leidigen Tatsache zu versöhnen, dass gerade die geliebten Spielzeuge zwar von Andy weggegeben werden, bei der fantasievollen Bonnie aber ein neues, liebevolles Zuhause gefunden haben. Der Moment, in dem Andy und Bonnie zum Abschluss nochmals gemeinsam mit Woody und seinen Freunden spielen, ist ein schöner und gelungener Abschluss des Films, über den das Publikum sicherlich die ein oder andere Träne verdrücken wird – und letztendlich den Zuschauer trotz des Abschiedschmerzes mithilfe der Buzz Lightyear-Flamencos mit Cowgirl Jessie zum Finale zufrieden aus dem Kinosaal entlässt.

Solide Synchronsprecher
Im Vorfeld groß diskutiert wurde auch die neue Synchronbesetzung für den dritten Teil im Deutschland mit dem Trio der „Bullyparade“, über das ich bereits berichtet habe. Da überall schon lange Diskussionen dazu aufgeflammt sind, möchte ich versuchen mich hier kurz zu halten. Persönlich finde ich Michael „Bully“ Herbig als Sheriff Woody solide. Die ersten Szenen waren sehr gewöhnungsbedürftig, danach flachte die Ablehnung jedoch ab. Insgesamt macht Herbig einen ordentlichen Job und ist mit einer guten Portion Enthusiamus bei der Sache, bei der aber im Gegenzug oftmals die Emotionen und die Einfühlsamkeit auf der Strecke bleiben. Ich bleibe dabei, dass Augustinski in meinen Augen einfach den besseren Job gemacht hätte – als einen Totalausfall kann man Herbigs Leistung aber glücklicherweise nicht bezeichnen. Gelungen ist ebenfalls Rick Kavanian als hysterischer Dinosaurier Rex, wenn auch seine Synchronisation nicht ganz so schrill ausfällt wie erhofft. Christian Tramit als „Ken“ passt gut, ist dufte, kann man nichts negatives sagen. Es hätte schlimmer kommen können, es hätte aber auch besser gehen können. Jedoch ist die Synchronisation nichts, was das Gesamtfilmerlebnis in „Toy Story 3“ trübt.

Fazit: Spätestens hier sollten Leute, die „Toy Story“ und andere Filme aus dem Hause Pixar als Kinderfilme bezeichnen, ihre Meinung nochmals überdenken. Mit dem dritten Teil beweist das kalifornische Animationsstudio, dass es nun in eine neue Richtung geht – sozusagen „Pixar’s New Groove“. Bereits bei „Oben“ konnte man schon sehr gut sehen, dass Pixar einen deutlich tiefgründigeren und somit auch erwachseneren Weg einschlägt, wie manch andere Konkurrenten im Animationsbereich, die (immer noch) voll und ganz auf Gagfeuerwerke und Slapstick setzen. „Toy Story 3“ setzt genau diesen Pixar-Trend voll fort, ohne jedoch seine Wurzeln oder seine Anschluss an die vorangegangenen Teile zu verlieren. Mein absoluter Lieblingsfilm aus der Pixar-Schmiede wird „Toy Story 3“ zwar nicht werden, dennoch kann man den Animationsfilm mühelos zum Besten zählen, was bislang in Emeryville das Licht der Welt erblickt hat. Mich würde es jedoch absolut nicht wundern, wenn „Toy Story 3“ bei der Oscarverleihung 2011 sowohl für den besten Animationsfilm als auch für den besten Film nominiert wird. Zu wünschen ist es dem abwechslungsreichen dritten Teil auf alle Fälle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s