ITFS Stuttgart – Tag 3: Bruce Smith über Dr. Facilier & Co.

Wie versprochen gibt es heute den Nachtrag zum dritten Tag des 17. Internationalen Trickfilmfestivals in Stuttgart. Nach den letzten Tagen war ich ganz schön gebeutelt: Morgen früh raus, abends spät ins Bett – wenig Schlaf ist da vorprogrammiert. Aber nun gut, was tut man nicht alles für die geballte Ladung Animation. Ich wollte es daher zumindest am Freitag etwas ruhiger angehen lassen und bin daher frisch und ausgeruht dann erst abends zur großen Disney Lecture mit Disney Zeichenkünstler Bruce Smith gegangen.

Also ging es kurz vor 20 Uhr rein in das Metropol-Kino, in dem übrigens alle Disney- bzw. Pixar-Lectures stattgefunden haben. Über die fünf Tage hat man sich dadurch recht gut eingelebt in diesem Kinosaal. Was uns in den folgenden knapp 90 Minuten erwartete, war wirklich Entertainment pur. Für mich hat Bruce Smith absolut den Award für die unterhaltsamste Präsentation der ITFS verdient. Ich hatte wirklich Tränen in den Augen, der Saal hat sich wirklich weggeschmissen vor Lachen.

UPDATE

Zu Beginn dieser großartigen Disney Lecture wurde die bekannte „The Princess and the Frog“-Featurette über Dr. Facilier gezeigt:


Und schon ging’s mitten in die Welt von Dr. Facilier und Bruce Smith, der sehr relaxt und offen wirkte und man schon von der ersten Sekunde an sich freute, was er nun uns in der kommenden Stunde zu erzählen hatte. Smith wuchs in South Central Los Angeles auf, „vier Blöcke entfernt von Ice Cube, zehn Blöcke entfernt von Ice-T“ … Smiths Spitzname war eher „Ice Pick“. Einige Freunde von ihm saßen im Gefängnis, auch viele Freundesfreunde saßen im Gefängnis. Laut eigenen Aussagen hatte er als junger Kerl genügend Chancen, ebenfalls recht krumme Wege einzuschlagen, hatte aber nie die richtige Ambition. Aufgewachsen ist er mit Animationsfilmen wie den Jetsons und Flintstones, die er schon von Anfang an ziemlich liebte. Seine „Aha-Moment“ war allerdings der Disney-Animationsfilm „101 Dalmatiner“. Nach dem er diesen Film gesehen hatte, wusste er: „Das will ich auch machen!“.

Smith erzählte eine ziemlich witzige Anekdote: Nachdem er seinen Abschluss in der Tasche hatte, wurde er von seinem Vater im Auto gefragt, was er denn jetzt danach machen wolle. Zaghaft antwortete Smith darauf, dass er eben Animationszeichner werden möchte. Pause – Stille – kurzes „Aha“ vom Vater. Nach der Pause fragte er Bruce Smith, ob er denn jemals schwarze Figuren bei den Flintstones gesehen hätte. Smith: „Ähm, nein“. Eine weitere kurze Pause folgte. Wieder fragte der Vater: „Und hast du jemals schwarze Figuren bei den Jetsons gesehen??!“. Smith: „Nein“. Der Vater darauf: „You see: There ain’t no black people in the past, and there won’t be black people in the future!“
– Ende des unangenehmen Vater-Sohn-Gesprächs –

Wir wissen aber, dass Bruce Smith sich durchgesetzt hat und dann in L.A am „California Institute of the Arts“ studiert, umgeben von großen Talenten, die heute im Animationsbusiness Rang und Namen haben. Zu Smiths Klassenkameraden gehörten u. a. Chris Sanders („Lilo & Stitch“), Rob Minkoff („The Lion King“) und Kevin Lima („Tarzan“).
Direkt nach der Schule bekam er direkt einen Job als Animationszeichner zu einem kleinen Studio, was für Absolventen nicht gerade üblich ist. 350 $ Dollar die Woche gab es und Smith war eigentlich glücklich. Nach 6 Monaten kamen er und seine Kollegen an das Studio – die Türen waren verwunderlicher verschlossen. Während Smith und seine Kollegen rätselten, warum das Studio geschlossen war, wurde der Studiochef neben ihnen mit Handschellen abgeführt. Krumme Geschäfte des Studiochefs, Studio war dicht. Für Smith war es besser so, da er bei solchen Studios nicht arbeiten wolle.

Durch eine glückliche Fügung hatte Smith die Gelegenheit am Animationsfilm mit Real-Life-Action „Space Jam“ mitzuarbeiten. Während der Drehpausen gab es auf dem Studiogelände einen Basketballplatz, auf dem Michael Jordan regelmäßig sein Können zum Besten gab. Von Joan Collins bis Urkel waren wohl viele Promis auch vor Ort. Bruce Smith spielte ebenfalls ab und zu mit, hatte aber selbstverständlich großen Respekt vor „Air“ Jordan. In einer Partie schaffte Smith es allerdings absolut zufällig, dass er – obwohl er von Jordan geblockt wurde – auf die irrsinnige Idee kam, den Ball in Richtung Korb zu werfen, anstatt ihn weiterzupassen. Ungelenk warf er den Ball in Richtung Korb, krümmte sich währenddessen mit geschlossenen Augen und hörte plötzlich sekundenspäter eine tobende Masse. Der Ball war drin, „Air“ Jordan war angepisst. Eine Story, die Bruce Smith regelmäßig sehr ausführlich, lebhaft und voller Stolz erzählt 😉

Nach dieser genialen Story ging es dann in die Welt des Dr. Facilier. Nach „Kerchak“ in „Tarzan“ und „Pacha“ in „Ein Königreich für ein Lama“ freute sich Smith drauf, endlich einen richtigen Disney-Bösewicht zu kreiiren. Seine absoluten Liebingsbösewichte von Disney sind „Captain Hook“ und „Cruela de Vil“- daher wollte er Dr. Facilier von Anfang an ähnlich erschaffen. Seine Idee war: Was wäre herausgekommen, wenn Cpt. Hook und Cruela de Vil nach ein paar Martinis sich auf ein Hotelzimmer zurückgezogen hätte? Antwort: Es wäre sicherlich Dr. Facilier geworden.
Dr. Facilier hatte in der ersten Version ein Facepainting, dies wurde jedoch nach einigen Testscreenings abgeändert, da dieses Erscheinungsbild die Kinder zu sehr verschreckt hatte.

Smith sprach auch über die tragische Szene, in der Dr. Facilier Ray auf dem Friedhof zertritt. Diese Szene, wie wir sie aus dem fertigen Film kennen, war die zweite Version des tragischen Tods von Ray. Smith hatte zuerst eine andere, weitaus „grausamere“ Version geschaffen. Gleiches Setting, gleicher Beginn: Ray liegt auf dem Boden, Dr. Facilier nähert sich ihm. In dieser alternativen Szene springt Dr. Facilier nun wie ein wahnsinnig auf Ray herum, tritt auf ihn ungefähr gefühlte 10x gewaltsam ein und spuckt letztendlich noch auf ihn. Er fasst sich an die Stirn und wischt sich Reste von Ray von vom Gesicht weg. Smith fand diese Szene großartig, da man hier Dr. Faciliers böses Gesicht richtig kennenlernt (Zitat: „Hell, yeah!“) und man laut Smith diesen Charakter einfach abgrundtief hassen sollte, weil er mit Ray auch das Herz des Film zerstörte. Das Publikum sollte sehen, dass das auch mühelos Tiana passieren kann. Eric Goldberg und anderen Leuten von Disney war diese Version in internen Screenings allerdings zu heftig, es gab viele schlimme Reaktionen. So kam es letztendlich dazu, dass wir im fertigen Film die weitaus softere Version zu sehen bekommen haben. Viele persönliche Erlebnisse fließen zudem ebenfalls in seine Zeichnungen mit ein: Als das Glühwürmchen Ray von den Schatten in dieser Szene umzingelt wird, wurde er zudem sehr inspiriert von einigen Erlebnissen in der High School, bei denen er einmal von einigen Quarterback-Sport-Typen vermöbelt wurde.

Weitere Einflüsse von Dr. Facilier kommen beispielsweise auch von „Dr. Fate“, gespielt von Jack Lemmon, in der Abenteuerkomödie „Das große Rennen rund um die Welt“ , aber auch Jim Carrey und Paul Giamatti mit ihren vielfältigen Gesichtsausdrücken sind für Smith wundervolle Inspirationsquellen. Die Kartentricks in „Friends on the Other Side“ sind sehr inspiriert durch die Basketballtricks der Harlem Globetrotters, die Tanzszenen leben sehr stark von Michael Jacksons Choreographien. Man muss seine Charaktere „leben“ und „atmen“. Daher sind lebende Inspirationen immer ein sehr guter Anhaltspunkt.


Zu Smiths kommenden, aktuellen Projekten gehört der kommende Animationsfilm zu „Winnie the Pooh“. Nach dem großen Erfolg in den Medien von „The Princess and the Frog“ war Bruce Smith wahrlich geflasht von den ganzen Interviews, die er gegeben hat. Voller Enthusiasmus ging er also zurück in die Disney Animation Studios, um nach neuen Projekten zu fragen. Als die Antwort darauf „Winnie the Pooh“ lautete, war Smiths Reaktion „WTF?“. Okay, es gibt ja auch ziemlich coole Charaktere. Also fragte Smith, was mit Winnie Pooh sei. Studio: Winnie Pooh ist schon vergeben. Okay, Tigger ist auch cool – Tigger war auch schon vergeben an Andreas Deja. Mh – was ist mit Rabbit, Eeyore und Owl? Alle schon vergeben. Gut, viel blieb nicht übrig – besser gesagt zwei: Ferkel und Christopher Robins. Da er Christopher Robins ziemlich langweilig fand und er ohnehin nur eine unpassende Nike-Version aus ihm gemacht hätte, hat er sich letztendlich für Ferkel entschieden. In der Studiokantine dann fragten ihn weibliche Studiomitarbeiterinnen, was denn sein neues Projekt wäre:

Smith: „Well… ehm, it’s.. ehm,… I’m doing Piglet in Winnie the Pooh“
Studiomitarbeiterinnen: „Oh, Piglet is my faaaaavourite!“

Von da ab war klar: Ferkel ist ein absoluter „Chick Magnet“ 😉
Absolut seltsam findet Bruce Smith jedenfalls Ferkel in physischen Dingen: Keine richtigen Hände, keine richtigen Füße. Und am allermerkwürdigsten: Ein seltsam gestreifter Körper mit einem Streifending, von dem keiner so richtig wusste, was das eigentlich ist – nicht einmal die großen Studiobosse. Bruce kam dann auf die Idee, dass das eine Art „Onezee“ sein muss, quasi eine art gestreifter Badeanzug, wie die Männer ihn damals in den 30ern beispielsweise trugen. Er hat sich mittlerweile mit Ferkel angefreundet, allerdings wird das für ihn das „letzte Mal“, dass er Ferkel zeichnen würde. Je mehr er sich mit Ferkel bschäftigte, desto mehr kam Smith auch auf die Idee, dass das kleine Ferkel nichts anderes eine Art Honig-Drogendealer für Winnie Pooh ist – „To make sure Pooh gets what he needs“. Aaahhhhha…. Das Pooh-Projekt wird übrigens durchgeführt, weil Pooh John Lasseter ziemlich stark am Herzen liegt und sie damit auch neue Generationen beglücken wollen. Andererseits ist natürlich auch die finanzielle Seite nicht uninteressant, ist gerade Pooh doch ein ziemlich großes Geschäft für Disney.

Für Smith hat 2D-Animation mehr Potential als die Nacherzählung von reinen Märchen und das bei Disney eben populär ist, weil man hier ziemlich stark eine Art Disneys Erbe beschützen will. Obwohl Smith nicht der Fairytale-Typ ist, ist er bei Disney Animation – die ganzen Künstler und Animationszeichner sind für ihn sehr inspirierend und er möchte einfach dabei sein, wenn Disney sich den Weg an die Spitze zurückkämpft und wie ein Phoenix aus der Asche wiederaufersteht. Seine Meinung besteht darin, dass gerade das Publikum nicht unterschätzt werden darf, in dem man ihm offensichtliche, einfache Kost bietet. Man muss das Publikum intelligent und zeitgemäß unterhalten. „The Princess and the Frog“ war laut Smith schon ein Schritt in die richtige Richtung, da man hier ein populäres Märchen abgewandelt und sogar ein wenig maskiert hat. „Challenge the audience“ ist sein Motto. Daher ist die Hauptarbeit in diesen Themen, herauszufinden, was eigentlich hinter den Märchenstoffen steckt und das nicht so offensichtlich zu verpacken. Wenn große Filmemacher das können, sollte das Disney auch genauso handhaben. Einfache Märchen können zwar erfolgreich sein, wie z. B. „Aladdin“, „Beauty and the Beast“ oder auch „The Lion King“, sie fordern aber nicht heraus und unterscheiden sich laut Smith nur wenig. Hinzu kommt, dass das Medium Film nicht mehr brandneu ist und die Linien zwischen Realfilm und Animation immer mehr verschwimmen, wie es beispielsweise bei „Avatar“ der Fall ist. Viele andere Animationsstudios wie DreamWorks haben mit „Shrek“ und „How To Train Your Dragon“ ebenfalls bewiesen, dass sie qualitativ hochwertige und gleichzeitig erfolgreiche Filme machen können. Disney hat viel Konkurrenz und sollte daher laut Smiths Aussagen noch mehr in die Entwicklung von neuen Stoffen und Ideen investieren. Smith ist sich sicher, dass dies in der Zukunft auch passieren wird – ein weiterer Grund, warum er seine Arbeit bei Disney liebt.

Mit diesen Ausblicken ging eine absolut eindrucksvolle und absolut unterhaltsame Disney Lecture zuende – die zudem gnadenlos von Smith überzogen wurde (aus 60 Minuten wurden sagenhafte 90 Minuten!). Wenn Smith jemals seine Karriere als Animationszeichner an den Nagel hängen sollte, dann wäre er der geborene Comedian – der Saal hat sich wirklich weggeschmissen vor Lachen. Danke Bruce Smith!

Wer Lust auf ein paar bewegte Einblicke in die Präsentation hat, dem empfehle ich folgendes Youtube-Video. Bruce Smith hat am Savannah College of Art and Design die selbe Präsentation gehalten, wie sie am Freitag Abend in Stuttgart zu sehen war.

Ich weiß leider noch nicht, ob ich heute schon einen vollständigen Bericht zum Samstag, und mit Abstand interessantesten Tag geben kann. Ich versuche aber, euch so schnell wie möglich die ersten Berichte zu liefern.
Kurze Information vorab: Es wurde in Leo Sanchez Barbosas „Rapunzel“-Lecture eine vierminütige, bisher – laut Barbosa – noch nie gezeigte Featurette mit vielen Rough Drafts und ersten vollanimierten CGI-Szenen präsentiert. Alleine schon, dass die Besucher dieser Lecture diese Featurette beinahe schon weltexklusiv sehen konnten, macht mich mehr als stolz, gestern dabei gewesen zu sein. Da wurde uns wirklich nicht zuviel versprochen! Fotos waren dieses Mal leider weniger möglich, da Barbosa auf das Fotografierverbot hingewiesen hat, nachdem einige Leute im Saal die einzelnen Zeichnungen und Artworks abfotografiert haben. Daher respektiere ich die Copyrights und werde ich mich voll und ganz auf das geschriebene Wort stützen – ich hoffe, es bleibt auch so für euch interessant! Aber: „Rapunzel“ wird ein absolut temporeicher, witziger Abenteuer-Märchenfilm der Marke Disney werden!

Bis bald,
eure Esbinaca

Copyright (Fotos – Bruce Smith): Esbinaca’s Entertainment Blog
Präsentation: Bruce Smith/Disney Animation

4 Gedanken zu „ITFS Stuttgart – Tag 3: Bruce Smith über Dr. Facilier & Co.

    1. @Sir Donnerbold: Ach Mensch, nächstes Mal bist du mit von der Partie. Hoffe, dass die Berichte zumindest ein kleiner Trost sind 😉 Hab versucht, so viel wie möglich aufzusaugen und hier niederzuschreiben.

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