Kritik: Disneys „The Jungle Book“ – Licht und Schatten im Dschungel

THE JUNGLE BOOK

Nach dem Remake ist vor dem Remake: Disneys Trend zu Realverfilmungen altbekannter Disney-Animationsfilmen ist nicht neu. Bereits mit „Alice im Wunderland“ oder „Cinderella“ konnte man sehen, welche unterschiedlichen Richtungen ein Remake gehen kann. „The Jungle Book“ ist Disneys neuester Streich in Sachen Animationsremake – und vor allem aus technischer Sicht womöglich der bislang Spannendste.
Vorab: Ich bin kein großer Fan des Originals, vielleicht auch weil ich eher mit anderen Disney-Animationsklassikern ausgewachsen bin als mit Mogli, Balu und seinen Freunden – die tolle Serie „Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew“ aus den 90ern mal ausgenommen. So war es für mich äußerst spannend zu sehen, ob die neue Version von „Das Dschungelbuch“ mich mehr packen kann als das Disney-Original.

Regisseur Jon Favreau macht mit „The Jungle Book“ viel richtig. Der größte Clou an der Neuverfilmung ist tatsächlich die technische Umsetzung. Selten hat man im Kino solch immersiven Landschaften gesehen, die nur durch computergenerierte Szenerien angefertigt wurden. Schon nach wenigen Minuten mag der Zuschauer kaum glauben, dass die Dschungelwelten komplett in einem Filmstudio in Los Angeles gedreht wurden – so echt wirken die urigen Bäume, grünen Pflanzen und tiefen Flüsse. Die tierischen Protagonisten sind ebenfalls digital erstellt – und man mag es kaum glauben, aber Favreau gelingt der Spagat zwischen realistischer und comichafter Tierdarstellung äußerst gut. Neel Sethi als Mogli agiert als einziger menschlicher Schauspieler dafür überraschend natürlich.

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Ob Mogli, Balu oder Baghira: Die beliebten Charaktere aus „Das Dschungelbuch“  werden auf ein realistischeres und gleichzeitig auch erwachseneres Level gebracht, ohne jedoch die besonderen Eigenschaften, die sie so eigen und liebenswert machen, zu verlieren. Im Gegenteil: Man entdeckt viel mehr Facetten als man es aus dem Disney-Klassiker von 1967 kennt. Überraschenderweise düster kommt die Neuverfilmung daher und besonders diese Momente inszeniert Favreau exzellent und ungeheuerlich atmosphärisch – wie zum Beispiel das Aufeinandertreffen von Mogli und Kaa, das äußerst clever mit Moglis Backstory verwoben wurde.

So gefallen auch die Szenen mit Shir Khan, der viel aggressiver gezeichnet ist als im Disney-Original von 1967. Und wer hätte zudem gedacht, dass gerade das Aufeinandertreffen mit König Louie zu den unheimlichsten Momenten des Films gehört? Besonders die Figur des Affenkönigs hat rein wenig mit dem Party-Orang-Utan aus dem Animationsfilm zu tun. Vielmehr sehen wir einen besessenen Bandenanführer, der in seiner Gier nach der „roten Blume“ an einen Paten oder gar Warlord erinnert.“The Jungle Book“ daher nur eingeschränkt für junge Fans zu empfehlen, da viele Szenen nicht nur unheimlich, sondern auch bedrohlich inszeniert sind.

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Doch bei „The Jungle Book“ verhält es sich wohl wie im richtigen Dschungel: Denn wo auch Licht ist, ist auch leider Schatten. Nach einem erzählerisch sehr gelungenem Auftakt macht sich leider erste Ernüchterung breit. Der zweiter Akt schwächelt dramaturgisch ziemlich und verliert an Stärke. Zudem ist der Fokus auf Mogli und Baghira zu stark gesetzt, weswegen anderen Charakteren verhältnismäßig wenig Zeit zur Entfaltung eingeräumt wird. So geht beispielsweise das Kennenlernen zwischen Mogli und Balu doch ein wenig zu schnell von statten, weswegen es fast überraschend kommt, dass beide nach wenigen Minuten schon beste Freunde sind und wenige Minuten später sich die beiden mehr oder weniger emotional trennen.

Der Originalscore von John Debney ist leider stellenweise extrem austauschbar und wird nur dann interessant, wenn die bekannten Klassikermelodien der Sherman Brüder wie „Probier’s mal mir Gemütlichkeit“ oder die hypnotische Melodie „Hör auf mich“ in neuen und spannenden Orchesterarrangements eingesetzt werden. Genau in diesen Momenten entfaltet sich dann nicht nur die Magie der Musik, sondern auch die des Films voll und ganz.

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Die deutsche Synchronisation ist dabei qualitativ erfreulich stark, was nicht zuletzt an bekannten deutschen Schauspielerstimmen wie beispielsweise Armin Rohde als Balu, Joachim Król als Baghira oder Heike Makatsch als Raksha liegen mag. Der absolute Glückgriff ist jedoch Ben Becker, der dem Tiger Shir Khan durch seine bebende, unheilvolle und charakteristische Stimme seine einmalige Note gibt. Eine großartige Leistung! Ziemlich aus der Reihe tanzt hier leider Christian Berkel als King Louie, der den gierigen Affenkönig etwas zu hell anlegt und „Ich wär‘ so gern wie du“ leider komplett fehlinterpretiert.

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Fazit: Disneys „The Jungle Book“ geht im Vergleich zum Disney-Animationsfilm neue Wege, bringt interessante Aspekte in die allbekannte Geschichte und lässt den Charakteren neue Freiräume, die den Film tragen. Durch falsche Akzente packt „The Jungle Book“ leider nicht aber so, wie man es sich wünschen mag. Dennoch hat Disneys neue Realverfilmung von „Das Dschungelbuch“ nicht zuletzt durch die State-of-the-Art-Technik als eigenes neues Werk seine Berechtigung und vermag durchaus zu unterhalten.

Bilder: Disney

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