Kritik: Disney-Pixars „Alles steht Kopf“ ist emotionale Achterbahnfahrt im tiefgründigen Unterhaltungskino

Nachdem wir 2014 komplett auf einen neuen Pixar-Animationsfilm verzichten mussten, bekommen wir in diesem Jahr die doppelte Dröhnung. Zweifler mögen hier vielleicht skeptisch mit den Augenbrauen zucken, könnte ja möglicherweise die Qualität der Animationsfilme leiden. Aber genau hier kann ich – zumindest für den ersten Film des Jahres – mehr als beruhigen: „Alles steht Kopf“ ist nicht nur einer der kreativsten Filme, die Pixar bislang geschaffen hat – er ist vielleicht sogar der komplexeste Film der renommierten Animationsschmiede.

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Wir begleiten das junge elfjährige Mädchen Riley, das aufrgund eines neuen Jobs ihres Vaters nach San Francisco ziehen muss. Durch ihr Gefühlswirrwarr führt ein Team von Emotionen in ihrem Kopf: Freude sorgt für die schönsten Momente und schafft es, dass sie auch in den schlimmsten Momenten den Kopf hoch bekommt un wieder lächelt. Angst sorgt sich um Riley und passt auf, dass ihr nichts passiert. Ekel dagegen schützt sie – nun ja, vor ekeligen Situationen wie beispielsweise Broccolipizza, während Wut dann sein Temperament loslässt, wenn es in Rileys Leben dann doch einmal zu bunt werden sollte.

Kernfigur ist hier jedoch Kummer, die als Trauerkloß etwas unbeholfen wirkt und genau da mithelfen will, wo sie es eben nicht sollte. In einem Blackout berührt sie eine der Kernerinnerungen Rileys, die ursprünglich von Freude dominiert war und nun durch Trauer beeinflusst ist. Freude möchte dies um jeden Preis verhindern und gerät auf der Jagd nach den Kernemotionen gemeinsam mit Kummer in die wundersame Welt von Rileys Persönlichkeit, Erinnerungen und Träume. Doch kann Riley ohne Kernerinnerungen und ohne Freude und Kummer ihr neues Leben meistern? Ein atemberaubender und wahrhaftig emotionaler Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der nicht nur Riley, sondern auch dem Zuschauer sicherlich die Augen öffnen wird.

Mit „Alles steht Kopf“ ist Pixar unter der Regie von Pete Docter und Ronnie del Carmen in jeder Hinsicht ein absoluter Geniestreich gelungen. Die Story ist anspruchsvoll und aufgrund ihrer vielen kleinen Details äußert komplex. Der Film schafft tatsächlich den Spagat zwischen unterhaltsamem Animationsfilm mit vielen humorvollen Momenten und durchaus tiefgründigem Film über die Psyche eines Teenagers. So sollte „Alles steht Kopf“ sogar eher das erwachsene Kinopublikum begeistern, das aufgrund ihrer Lebenserfahrung viele Anspielungen an äußerst bekannt vorkommende Lebenssituationen besser greifen kann, auch wenn jüngere Zuschauer aufgrund der liebevoll gezeichneten Emotionen sich ebenfalls begeistern werden können.

Auch die Vorstellungskraft nimmt einen großen Teil von „Alles steht Kopf“ ein. Rileys imaginärer Freund Bing Bong ist dabei die größte Überraschung des Films. Als Mischung aus Zuckerwatte, Waschbär, Elefant und Delfin sorgt er für einige ziemlich feine Gags – umso mehr (oder weniger) überraschend, dass gerade er doch für den emotionalsten Moment des Films sorgt, bei dem man schon ein Tränchen verdrücken muss. Alle Erlebnisse in Rileys Kopf machen das Teenagermädchen auch zu einem der glaubhaftesten und echtesten Charaktere, die Pixar bislang kreiert hat – nicht zuletzt, weil der Einblick in ihre Emotionswelt so plausibel und nachvollziehbar sind, dass sich so ziemlich jeder mit ihr identifizieren kann.

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Visuell und technisch gehört der neueste Disney-Pixar-Animationsfilm ebenfalls zum Besten, was die Studios in Emeryville je hervorgebracht haben: Das Character Design der Emotionen in „Alles steht Kopf“ ist exzellent, die Oberflächen und Texturen von schillerndem Glitzer bis zu weichem Stoff sehen so perfekt und echt aus, als wüsste man ganz genau, wie sich Freude & Co. anfühlen, wenn man sie berühren würde. Ebenfalls toll ist der leichte Retrofaktor im Figurendesign der Emotionen, das stark an kantige und ausdrucksstarke Charaktere wie beispielsweise von Dr. Seuss („How The Grinch Stole Christmas“, „The Cat in The Hat“) erinnert. Die Welten in Rileys Bewusstsein sind bunt, verspielt und eine richtige Augenweide voller kreativer Einfälle – Stichwort: Bing Bongs vermeintliche Abkürzung durch die abstrakte Gedankenwelt, in welcher Pixar exzellent mit abstrakten Formen und Zweidimensionalität spielt. Genau solche Einfälle wünscht man sich heutzutage in Animationsfilmen noch häufiger.

Ebenfalls nicht verstecken sollte sich die deutsche Synchronfassung von „Alles steht Kopf“. Entgegen meiner Vermutung hinsichtlich der deutschen Synchronsprecher wurden Freude, Kummer und Ekel nicht prominent, sondern mit erfahrenen Sprechern besetzt (Nana Spier als Freude, Tanya Kahana als Ekel). Besonders hervorstechend ist dabei Philine Peters-Arnolds, die man als deutsche Synchronstimme von Joan Cusack kennt, und dem Charakter soviel Melancholie und Trauer einhaucht, dass man ihr bei jeder Silbe ein Taschentuch in die Hand drücken und sie in den Arm nehmen möchte. In der prominenten Besetzung gibt es zum Glück keine Totalausfälle, alle sprechen sehr solide bis exzellent. Auch musikalisch erfreut „Alles steht Kopf“: Der Soundtrack aus der Feder von Pixar-Veteran Michael Giacchino ist wahrhaftig abwechslungsreich und stimmungsvoll und führt verspielt – mal mit leichten Klavierklängen, mal mit wild treibenden Streichinstrumenten – durch Rileys kleine Welt, die man durch die Musik vielleicht sogar noch ein wenig besser zu verstehen vermag.

Schon lange hat man Pixar nicht mehr in einer solchen Hochform gesehen wie bei „Alles steht Kopf“. Das tiefgründige Skript voller kreativer Einfälle lässt alle Emotionen hervorrufen und schickt den Zuschauer direkt auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die so unterhaltsam, rasant und gleichzeitig auch äußerst tiefgründig ist, dass man den neuesten Animationsfilm von Pixar durchaus mehrfach sehen muss, um alle wunderbaren Details greifen zu können.
Ich kann verraten, dass „Alles steht Kopf“ es zwar in meine persönliche Pixar Top 5, jedoch aktuell noch nicht ganz auf die obersten Siegertreppchen geschafft hat – was aber eher daran liegt, dass andere Filme bislang durch mehrfaches Sehen aktuell noch einen anderen Stellenwert für mich haben. In meinem Urlaub werde ich aber erneut „Alles steht Kopf“ in der Originalversion sehen – und ich freue mich bereits jetzt auf die Achterbahn der wundervollen Emotionen.

ALLES STEHT KOPF
Ab 1. Oktober 2015 in deutschen Kinos

8 Gedanken zu „Kritik: Disney-Pixars „Alles steht Kopf“ ist emotionale Achterbahnfahrt im tiefgründigen Unterhaltungskino

  1. Hatte ich dir nicht gesagt, deine Top-Pixar-Platzierungen würden sich ändern? ;)

    Toll geschriebene Kritik – bin voll deiner Meinung. Und Bing Bong ist wirklich eine Figur mit Taschentuch-Faktor.

  2. Nun mittlerweile Dreimal! gesehen, der wird durch seine komplexe Struktur nicht langweilig. Die Zweidimensionalität in der abstrakten Welt macht sich, wenn man 3D (ein Hochgenuss) schaut, besonders gut.

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