Disneys „Vaiana“: Helene Fischer singt den deutschen Titelsong. Echt jetzt?

Ihr seht es vielleicht schon an der Headline, dass es sich bei diesem Artikel nicht um einen reinen Newsartikel handelt, sondern es dieses Mal um ein wenig mehr geht. Heute wurde seitens Disney Deutschland bekanntgegeben, dass der Titelsong „Ich bin bereit“ zu Disneys kommenden Animationsfilm „Vaiana“ (Original: „Moana“) in der deutschen Version von keiner geringeren als Schlager-Popsängerin Helene Fischer gesungen wird.

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Eine Meldung, die sitzt. Und zwar ordentlich. Wir haben hier einen Film, der die südpazifische und polynesische Kultur zelebriert, in den Vordergrund stellt. Und durch seine jugendliche Hauptprotagonistin ganz besonders Mädchen und junge Frauen ansprechen wird. Und Disney Deutschland besetzt die Popversion des Titelsongs mit einer deutschen Sängerin, die zwar erfolgreich ist, jedoch die eigentliche Zielgruppe des Films verfehlt und nicht zum Filmthema passt. Warum ist das so schlimm?

Blicken wir mal zurück in die Titel- und Popsongs Filmproduktionen von Disney Animation aus den vergangenen Jahren: Da haben wir Rihannas „Shut up and Drive“ in „Wreck-it Ralph“, das zwar im Gesamtfilm etwas seltsam platziert war, dennoch den Rennspaß der Szene und die moderne Richtung von Disney Animation markiert hatte. Im selben Film hat man sogar auch noch Electronic-DJ Skrillex („Bangarang“) im Soundtrack zum Level „Hero’s Duty“ hören können – im Kino mit ordentlichem Bass war das ein Spektakel, bei der man Disney für diese moderne und für einen Animationsfilm doch innovative musikalische Richtung wirklich beglückwünschen musste.

Weiter ging es mit „Die Eiskönigin“ – ein recht klassisches Disney-Filmmusical, in dem man dieses Mal auf den eigenen Disney-Starfundus zurückgegriffen hat und Demi Lovato den ikonischen Song „Let it go“ im Filmabspann hat singen lassen. Klar, Disney Channel-Star – aber immerhin einer, der gesanglich ordentliche Qualitäten hat und auch nach der Disney-Ära Erfolge feiern konnte. Eine deutsche Version der Popvariante? Fehlanzeige: Es blieb in Deutschland offiziell bei der Musicalversion von Willemijn Verkaik aus dem Film – und das war auch gut so.

„Baymax – Riesiges Robowabohu“ zeigte ebenfalls, wie man Disney-Soundtracks gesungen frisch verpackt, und hat sich für die Marvelverfilmung einfach mal die Alternative-Rockband Fall Out Boy für den Titelsong „Immortals“ geschnappt. Eine perfekte Mischung aus Rock, Pop und Asiaklängen, die spätestens im Abspann einfach reinhaut. Die Integration in Film und Abspann hat auch Shakiras „Try Everything“ gut gemeistern – und hatte dazu wirkliche Ohrwurmqualitäten.

Was haben nun all diese erwähnten Titel gemeinsam? Wir haben große, internationale Interpreten, die bei einer breiten Masse – oft vor allem bei den jungen Zielgruppen bekannt und beliebt sind – und für einen modernen Stil stehen und zum Filmthema passen. Wir haben Titel, welche die Story stützen, aber gleichzeitig international und perfekt radiotauglich sind. Und sie sind alle englischsprachig. Nun kommt „Vaiana“ ins Kino. Mit der Musik von u. a. dem amerikanischen Komponisten Lin-Manuel Miranda, der die US-Theater- und Musikszene durch seinen progressiven Stil aus Hip-Hop-Klängen revolutioniert hat. Für den englischen Titelsong „How far I’ll go“ holte sich Disney die junge kanadische Sängerin Alessia Cara ins Boot, die durch die Anti-Party-Hymne „Here“ hierzulande im Radio rauf- und runtergelaufen ist. Support Act von Coldplay. 20 Jahre alt. Charakteristische, leicht rauchig angehauchte Stimme. Authentisch.

Und in Deutschland? Unsere Popversion wird nun urplötzlich eingedeutscht. Mit Helene Fischer. Einer Sängerin, die zwar den Schlager auf ein Mainstream-Niveau gebracht hat, aber bis heute immer noch für eines eben steht: Schlager. Und dementspechend ist auch die Zielgruppe gestrickt, die zu ihren Konzerten gehen. Hausfrauen, die eine gute Show erleben wollen. Schlagerfans. Hauptsächlich Ü35 – selten drunter. Der Schritt, Helene Fischer für den „Vaiana“-Titelsong zu besetzen, ist für mich ein Signal, dass in Deutschland die junge Zielgruppe von Disney offenbar nicht erreicht werden will. Dann wohl lieber „Gourmeggles“ und Tchibo-Fans.

Und es bleibt auch die Frage, warum man in Deutschland überhaupt plötzlich eine deutsche Popversion eines Disney-Abspannsongs braucht – vor allem für „Vaiana“. In einer Zeit, in der besonders die junge Zielgruppe auf Netflix & Co. ihre Lieblingsfilme- und Serien auch auf englisch streamt und den Originalton zelebriert. Hat man hierzulande Angst, dass der Film aufgrund des exotischen Themas nicht läuft? Braucht man deswegen neben Andreas Bourani noch ein weiteres Zugpferd, auf das Mainstream-Deutschland abfährt und die Leute ins Kino zieht – völlig irrelevant, inwiefern ihr musikalischer und gesanglicher Stil zum südpazifischen Film passt? Kurz und knapp: Es passt nicht – wie man in einem Mitschnitt aus der kommenden „Helene Fischer Show“ sieht:

Das ist etwas, was Kopfschütteln bei dieser Besetzung auslöst. Fast schon alternativ angehauchte Popbeats, die für junge, aufstrebende Künstler wie Alessia Cara auf den Leib geschneidert sind. Und auf die in Deutschland kompromisslos die Stimme von Helene Fischer gelegt wird, die sich hörbar unpassend, fast künstlich, altbacken und hart anhört. Authentizität wie bei Alessia Caras Version wird kläglich vermisst. Kurze schwarze Kleider mit viel Bein beim Auftritt helfen da nicht sonderlich.

Und das ist eben das Ende vom Lied – im wahrsten Sinne des Wortes: Disney klingt im Abspann von „Vaiana“ deutscher – und leider auch altbackener. Aber der Verjüngung der Marke Disney in Deutschland und der Ansprache junger Zielgruppen wird die Besetzung des „Vaiana“-Titelsongs durch Helene Fischer leider keinen Gefallen tun. Schön für’s Fernsehen und für künftige Fischer-Konzerte, gut für die Reichweite  – aber schlecht für das, was sich Disney Animation in den letzten Jahren durch die musikalische Auswahl der Interpreten aufgebaut hat. Hoffen wir, dass uns in Deutschland für den nächsten Disney-Animationsfilm „Gigantic“ bessere Zeiten bevorstehen.

9 Gedanken zu „Disneys „Vaiana“: Helene Fischer singt den deutschen Titelsong. Echt jetzt?

  1. Die Sache mit der deutschen Version von „Let it Go“ stimmt nicht 100%. Es gibt auch von „Lass jetzt Los“ eine deutsche Popvariante, ebenfalls von Helene Fischer gesungen. Das findet sich auf der CD „I love Disney“ und klingt auch gar nicht so schlecht, dafür, dass ich eine echte Abneigung gegen die Dame habe. Sie hat das 2015 auch auf jedem Konzert gespielt.
    Auch was die Zielgruppe von Frau Fischer angeht liegst du glaube ich nicht richtig. Ich kenne einen Haufen junger Frauen (Mitte 20) und auch Kinder, die darauf total abfahren. Meine kleine Schwester zum Beispiel. Sie war Ende 2015 auf einem Konzert und das Publikum lag im Altersdurchschnitt deutlich tiefer als man denken würde.

    Trotzdem finde ich ihre Version des Songs für „Vaiana“ schrecklich… Ich bin aber nicht sicher, ob das zum offiziellen Soundtrack gehören wird, oder ob es einfach genau wie Fischers Version von „Lass jetzt los“ ein eigenes Projekt ist.

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    1. Danke für deinen Kommentar! 🙂 Deswegen hatte ich im Artikel auch geschrieben „offizielle Version“. Helene Fischers Version von „Ich lass los“ war Teil von „I Love Disney“, jedoch nicht des offiziellen Soundtracks oder des Films. Das ist ergo für mich ein Unterschied, weil hierauf die Vermarktung auch dementsprechend nicht ausgerichtet war und die Songversion abgekapselt vom Film existiert. Die offizielle Popversion wurde damals „nur“ auf englisch von Demi Lovato gesungen.
      Zwecks Zielgruppe bestätigen Ausnahmen die Regel – dass aber die primäre Hauptzielgruppe nicht in den Zwanzigern oder drunter liegt, das ist sicher. Die Marken der Werbeverträge von Frau Fischer sind nämlich genau auf diese primäre Zielgruppe ausgelegt.
      Leider wird Helene Fischers Version von „Ich bin bereit“ – im Gegensatz zu „Ich lass los“ – Teil des offiziellen Soundtracks sein. Denn im Gegensatz zu „Die Eiskönigin“ läuft der Titelsong von ihr direkt nach Ende des Films (heute gesehen). Dass der Song auf dem deutschen Soundtrack enthalten sein wird, sehe ich daher als bestätigt an. Leider. 😉

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  2. Ja, Helenes Interpretation ist auf dem deutschen Soundtrack, die englische Popversion aber auch. Da kann sich Jeder was aussuchen. Sie schätzen meines Erachtens das Alter von Helenes Publikum nicht richtig ein bzw. Sie betrachten nur einen Teil davon (den es natürlich auch in großer Anzahl gibt). Sie hätten mal bei einem ihrer 22 proppenvollen Stadionkonzerte letztes Jahr vorbei schauen sollen und dann nochmal erzählen, da wären wenig jungen Leute, Teenager und Kinder dabei. Es gab neben den Älteren auch ganz viele Gruppen junger Mädels, Männer und Pärchen sowie sehr viele Familienausfluge über 3-4 Generationen. Damit dürfte Disney kein Problem haben ;-). https://youtu.be/YTjAqIyFsWw

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    1. Deswegen hatte ich bereits in dem vorherigen Kommentar geschrieben: „primäre Hauptzielgruppe“ 😉 Und die ist – wollen wir uns nichts vormachen – ganz klar vermarktungstechnisch nicht an Millennials, sondern ältere Personen gerichtet. Marken wie Tchibo und Meggle stützen diese These. Dass junge Menschen auch auf ihre Konzerte gehen, mag ich überhaupt nicht bestreiten. Dass aber ihre Marketingmaschinerie auf diese Personen ausgerichtet sein soll, bezweifle ich als Mensch, der in der Kommunikations- und Marketingbranche arbeitet, schwer. Und genau da liegt der Punkt meines Artikels 🙂

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  3. Wenn Sie vom Fach sind, dann dürfte Ihnen die Marketingidee von Disney klar sein. Die in den letzten 3 Jahren meist gegoogelte Person im deutschsprachigen Raum, eine der erfolgreichsten europäischen Sängerinnen der Gegenwart, kreiert eine so weite mediale Aufmerksamkeit für den Film in Deutschland, Österreich und der Schweiz über jede Generationengrenze hinweg, da können vermeintliche „reine“ Köder der Generation Y vermutlich einpacken. Zumal deren Anteil unter ihren Fans nicht so klein ist, wie Sie anscheinend weiterhin glauben möchten. Zusätzlich gibt es ja noch die Synchronsprecherin/Sängerin für die Hauptrolle Lina Larissa Strahl (18 – Bibi Blocksberg), die dann noch mit für die Millennials zuständig wäre.

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    1. Die Marketingidee ist klar – gelungen finde ich sie jedenfalls nicht. Und da bin ich definitiv nicht die einzige, die das misslungen findet, wenn man z. B. mal bei Twitter schaut. Meine Meinung mag für Helene Fischer-Sympathisanten nicht erfreulich sein, aber sie ist das, was sie eben ist: meine begründete Meinung.

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  4. […] Schlimmer sind allerdings die deutschen Songtexte, die ziemlich nach dem „Reim dich oder ich fress dich“-Prinzip umgesetzt wurden. So wird aus einem Ohrwürmer des Films „You’re Welcome“ ein ziemlich holpriges und textlich fast banales „Voll Gerne“. Wenn man bedenkt, wie gut teilweise die deutschen Synchronfassungen der letzten Jahre aus dem Hause Disney waren, schmerzt es erst recht, dass man gerade bei einem Meisterwerk wie „Vaiana“ nicht mehr herausgeholt hat. Der deutsche Abspannsong von Helene Fischer inkludiert. […]

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  5. Die Besetzung durch Helene Fischer ist typisch für die Art und Weise, wie Disney die fremdsprachigen Ausgaben der Filme steuert. Bekanntheitsgrad der Person ist allererstes Auswahlkritierium… Schlimmer noch finde ich dies bei der Synchronisation. Den Amerikanern scheint nicht klar zu sein, dass es in anderen Ländern auch PROFESSIONELLE Synchronsprecher gibt. Satt hierzulande etablierte, hochkarätige Sprecher einzusetzten, werden zweitklassige Seriendarsteller oder Filmsternchen, die gerade ihre große Stunde erleben, mit den Sprechrollen betraut und schnappen damit nebenbei den Hauptberuflichen die lukrativen Aufträge weg. Und machen dabei ihre Aufgabe nicht immer besonders gut.. Ein weiteres Beispiel aus Vaiana hierfür ist Andreas Bourani, der Halbgott Maui aller Markigkeit beraubt hat. Naja, Hauptsache ein bekannter Name kann auf’s Plakat geschrieben werden…

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