Chaos im Netz: Regisseure Rich Moore & Phil Johnston über Humor und Zeitlosigkeit bei Disney

Es ist wieder Disney-Zeit in deutschen Kinos: Mit „Chaos im Netz“ bekommen wir endlich die langersehnte Fortsetzung zu „Ralph reichts“. Das Besondere: Dieses Sequel kein typischer zweiter Teil. Wir bekommen als Kinopublikum im neuesten Disney-Animationsfilm nicht nur ein modernes Gag-Feuerwerk, sondern auch eine tiefgründige Story, die man anhand der Trailer so direkt nicht erwartet.

In Berlin hatte ich die Ehre mit den beiden Regisseuren von „Chaos im Netz“, Rich Moore („Die Simpsons“, „Ralph reichts“, „Zoomania“) & Phil Johnston („Willkommen in „Cedar Rapids“, „Ralph reichts“, „Zoomania“) in einem Interview zu plaudern – über Zeitgeist, Satire und Humor und über die Möglichkeit eines dritten Teils von „Ralph reichts“.

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Co-Regisseur Phil Johnston von Disneys „Chaos im Netz“

Man kann nicht planen, ob man zum Start eines Filmes den Zeitgeist trifft – vor allem nicht, wenn die Produktion drei Jahre im Voraus beginnt. Aber ihr habt das mit „Chaos im Netz“ irgendwie geschafft. Wie in aller Welt habt ihr das hinbekommen? Weil es unmöglich erscheint. Vor allem nochmal, bei „Zoomania“ habt ihr das auch gemacht, da sind wir so sehr im Jetzt. Ist das oft Glück?

Phil Johnston: Mit manchen Dingen ist das so. Wie die Tatsache, dass dem Film von Anfang an das Thema Feminismus zugrunde lag. Dass es eine Geschichte über Vanellope ist, wie sie erwachsen wird und sich selbst als junge Frau findet – und Ralph hat das Buzzword „Toxische Männlichkeit“, an das wir nicht so spezifisch gedacht haben. Das ist einfach auf eine gewisse Art und Weise in seinen Charakter einverleibt worden. Die Tatsache, dass diese Themen von Anfang an da waren und jetzt im Zeitgeist spielen, vermute ich, ist Zufall und Glück.

In den letzten Disney Filmen – es müsste mit „Bolt“ angefangen haben – widmet ihr euch sehr der Gegenwart. Selbst in „Die Eiskönigin“ gehen wir nicht zurück in die Vergangenheit. Damit seid ihr in puncto Storytelling wirklich auf dem neuesten Stand – und das könnte auch schiefgehen…

Rich Moore: Wir wollen, dass die Filme zeitlos sind. Es ist unser Ziel, dass Leute in 50 Jahren sie immer noch anschauen. Aber dieser Film handelt vom Internet, dass sich ständig ändert. Dass jetzt anders ist als damals, als wir angefangen haben, den Film zu machen. Daher haben wir gesagt: „Wir werden es niemals schaffen, über einen langen Zeitraum zeitgemäß zu sein“. Das ist kein Märchen der Gebrüder Grimm oder von Hans Christian Andersen, das vor langer Zeit spielt. Aber wenn wir einen Schnappschuss von dem geben, nicht von dem Heute und dem Internet, sondern von der Geschichte zwischen den beiden Charakteren, fühlt sich das zeitlos an, so dass eine Person in 50 Jahren das schauen könnte und sagt: „So habe ich mich auch gefühlt!“. Dann, glaube ich, haben wir unsere Arbeit gut gemacht.

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Co-Regisseur Rich Moore von Disneys „Chaos im Netz“

Wir haben viel über den Film „Das Wunder der 34. Straße“ gesprochen, der in New York spielt. Aber der Film wurde in den 40er Jahren gemacht, daher sehen wir das New York von damals. Es ist eine Momentaufnahme dieser Zeit. Auch über „Taxi Driver“ haben wir gesprochen. Es ist das New York der Siebziger, aber man schaut den Film und wird aufgrund der emotionalen Story zwischen den Charakteren angesprochen. Ich drücke die Daumen, dass wir das ebenfalls schaffen, weil das immer diese eine Frage war, die man uns gestellt hat: „Wie könnt ihr Zeitlosigkeit in einem Milieu erschaffen, das sich ständig von Tag zu Tag ändert?“.

Wir haben derzeit einen der besten Arten von Humor im Animationsgenre. Woher kommt das?

Phil Johnston: Ich bin mir insgesamt nicht ganz sicher, warum animierte Komödien so gut laufen. Rich und ich saßen bei „Ralph reichts“ in unseren kleinen, geheimen Meetings zusammen und haben gesagt: „Wir wollen den lustigsten Animationsfilm überhaupt machen!“. Und wir hatten auch bei „Chaos im Netz“ dasselbe Ziel – und ich glaube der Trick dabei ist: Wenn man etwas machen muss, das familienfreundlich ist, findet man Wege, cleverer zu sein als zum Beispiel nur das böse F-Wort fallen zu lassen. Aber in diesem Fall muss man vielleicht einfach im Ansatz etwas schlauer sein sein, so dass man Kinder auf einer Ebene anspricht und ihre Eltern auf einer anderen. Für mich ist das die beste Art von Comedy, die jeden ansprechen kann. Die Kinder lachen über bestimmte Dinge, und die Eltern lachen darüber aus einem anderen Grund.

Rich Moore: Und selbst in den Mechaniken im Comedy-Bereich geht es um’s Timing. Ein von zwei verschiedenen Menschen erzählter Witz kann einerseits wirklich sehr witzig oder sehr flach aufgrund der Länge der erzählten Geschichte sein. Bei Live-Action-Komödien ist der Regisseur auf die perfekten Timing-Fähigkeiten seiner Schauspieler innerhalb eines Gags oder einer Szene angewiesen: Will Ferrell spielt eine Szene, dann kann man das Timing der jeweiligen Szene verbessern. Zum Glück ist er ein absoluter Meister des Timings.

Im Animationsfilm kontrollieren wir die Performance in jeder einzelnen Einstellung bis auf die 1/24-Sekunde genau. Man kann wirklich genau an der Szene arbeiten, um sicher zustellen, dass sie visuell oder akustisch genau so abläuft, wie sie für’s Timing sollte, um witzig zu sein. Und das ist das, was die Leute oft fragen, wie zum Beispiel auch bei „Die Simpsons“: „Wie kommt es, dass es so frisch bleibt?“. Wir haben an den Szenen gearbeitet, damit das das Timing und der perfekte Punkt für den Witz, den es benötigt, um dort auch genau zu landen, sitzen. Das ist nicht Zufall, sondern harte Arbeit von Menschen, die Timing kennen und wissen, was etwas lustig macht.

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Zum ersten Mal sind in „Chaos im Netz“ alle Disney-/Pixar-Prinzessinnen in einem Raum. Das ist schon irgendwie eine unübliche Situation. Wie seid ihr da an die Charaktere rangegangen? War es ein harter Kampf, alle zu versammeln?

Rich Moore: Nicht so sehr!

Phil Johnston: Nein, ehrlich, nicht wirklich. Wir werden das recht häufig gefragt: „Ihr müsst ja Angst gehabt haben, das euren Chefs zu zeigen!“. Und wir hatten Angst, aber sie haben es sofort angenommen: „Okay, der Rest der Welt veräppelt die Marke Disney und die Disney Prinzessinnen. Warum können wir das nicht tun?“.

Rich Moore: Warum nicht? Wir sollten auch ein wenig Spaß haben! (lacht)

Phil Johnston: Und wir haben darüber mit Satiregedanken gesprochen. Die Art, wie wir darüber denken, ist so, wie sich über unsere eigene Familie lustig zu machen. Wir lieben diese Charaktere so sehr. Daher kommen wir mit dem Ansatz, sie zu persiflieren, aber mit Liebe in unseren Herzen und ohne jegliche Böswilligkeit. Ich glaube, wenn man Respekt vor den Charakteren und der Geschichte, durch die sie leben, hat, ist es in gewisser Weise einfacher für uns, diese Satire zu kreieren, als jemand, der nicht von Disney ist.

Was mich wirklich bei „Chaos im Netz“ beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass es keinen Disney Bösewicht wie in den letzten Filmen gibt. Der einzige Bösewicht ist Ralph selbst.

Rich Moore: Richtig! Aufgrund seiner Unsicherheiten.

Auf der anderen Seite haben wir Themen wie Cybermobbing. Das sind aktuell sehr große Themen in unserer Gesellschaft. Ist es nicht eine Herausforderung, in diesem Kontext nicht wie ein Moralapostel zu wirken?

Rich Moore: Das ist für mich der Fluch vieler Fernsehserien. Ich, als Kind, als Erwachsener, mag es nicht, wenn sich ein Film auf die Tribüne stellt und sagt: „Judy Hopps, sei kein rassistisches Häschen!“. Für mich ist das nicht die Aufgabe eines Films oder einer Fernsehserie. Wir gehen immer mit dem Ansatz an einen Film, dass wir die Charaktere sehen sollen, wie sie auf diese schweren Themen reagieren. Judy Hopps kommt nicht wie ein Superheld rein und löst den Rassismus. Wir haben sie gesehen als Person, von der sie selbst dachte, dass sie nicht rassistisch ist, sie aber tatsächlich Vorurteile gegenüber ihrem besten Freund hat. Aber dann sehen wir sie, wie sie über das alles hinauswächst, wie sie es in ihrem Fall als Individuum löst.

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Wir hatten diese Herangehensweise auch bei „Chaos im Netz“. Ralph ist kein perfekter Mensch. Er ist fast wie Kind, das versucht, in manchen Situationen diese neuen Dinge wie Freundschaft zu erlernen, wie das funktioniert. Er liebt Vanellope so sehr, dass er fast alles dafür tun würde, um diese Freundschaft aufrecht zu erhalten. Und wir sehen ihn, wie er Dinge tut, die beunruhigend sind – wie den Virus zu bekommen und damit das Spiel zu attackieren, das Vanellope gerade am meisten liebt. Ich denke, so macht man das. Man sieht Ralph, wie er über das Ganze hinauswächst. Zu sehen, dass das, was er getan hat, falsch ist und wie er das Problem löst. Und ich glaube, das ist ein guter Weg – es ist nicht der einzige Weg, aber das ist unser Weg, an diese Themen heranzugehen, die man normalerweise nicht in Animationsfilmen für die ganze Familie sieht.

Wie war dieses Mal die Vorbereitung für „Chaos im Netz“? Wir wissen ja, dass ihr eure Kreativ-Teams um die Welt schickt. Sie sehen normalerweise wunderschöne Orte. Aber dieses Mal spielt es ja im Internet, wie langweilig! Wie war es, sich darauf vorzubereiten?

Phil Johnston: Es war langweilig. (lacht)

Rich Moore: Es war langweilig. (lacht) Irgendwie langweilig. Wir sind nicht nach Norwegen gereist wie bei „Die Eiskönigin“. Oder in den Südpazifik wie bei „Vaiana“ (lacht). Wir sind sage und schreibe fünf Meilen nach Downtown Los Angeles zu einer Serverfarm namens „One Wilshire“ gefahren – das ist ein großes Hochhaus, mehr als 20 Stockwerke voll mit Servern. Das ist alles, was es ist. Es sind sehr wenig Menschen drin – nur Menschen, die sich um nichts anderes kümmern.

Phil Johnston: Eigentlich war das ganz cool.

Rich Moore: Ja, eigentlich war das cool. Es klingt langweilig. Es ist das Hauptzentrum für Internetverbindungen der Westküste Nordamerikas. Große Unternehmen mieten Kapazitäten auf den Servern. Das Ziel ist es, für die Internetuser der Westküste Nordamerikas ihre Informationen eine Millisekunde schneller zu bekommen, als wenn die Information um die ganze Welt gehen muss. Dorthin zu gehen, ist einfach nur: Stockwerk für Stockwerk voll mit diesen Servern. Kabel überall. Eine Art von kontrolliertem Chaos. Wenn man durchläuft, denkt man: „Das sieht aus wie eine Stadt“. Wenn man sehr klein wäre, wäre das die tollste digitale Stadt, die man sich vorstellen kann. Das in Kombination mit der Idee, die unser Produktionsdesigner vom Internet hatte – das Internet als alte Stadt, in der eine Zivilisation auf der anderen draufgebaut worden ist -, das wurde quasi unser Polarstern, die leitende Idee für die Designs. Das war keine glorreiche Exkursion, aber sehr informativ.

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„Chaos im Netz“ ist bereits sehr erfolgreich in den USA – heißt das, dass ihr schon über Teil 3 nachdenkt?

(Rich Moore und Phil Johnston schauen sich an, lachen)

Rich Moore: (zu Johnston) Sag’s nicht.

Phil Johnston: Ehrlich, es fühlt sich an, als ob wir schon einige witzige Ideen dafür haben – aber auch, dass wir schon zwei Kapitel haben, die zusammen ein schönes Buch ergeben.

Rich Moore: Wir haben es so gemacht, dass Vanellopes Storyline nicht mit dem ersten Film geendet hat. Das war eine Fortsetzung, so dass ihre Geschichte innerhalb der Spanne der beiden Filme stattfindet.

Phil Johnston: Die schlechte Idee, die sich aus einem Witz entwickelt hat, war…

Rich Moore: Ich mochte es zuerst nicht.

Phil Johnston: …Ralph schleicht sich in einen 3D-Drucker, wird von einem Blitz getroffen und wird in die reale Welt hineingedruckt. Wie in einer umgekehrten Version von „Tron“.

Eine tolle Idee für Teil 3! 

Rich Moore: Okay, in Ordnung. Wir fangen sofort mit der Arbeit an… (lacht)

Danke für das tolle Interview!

Bilder: Disney

Ein Gedanke zu „Chaos im Netz: Regisseure Rich Moore & Phil Johnston über Humor und Zeitlosigkeit bei Disney

  1. Chaos im Netz war so etwas von geil :)
    Schade nur, dass mein 8jähriger Junior viele der Gasgs oder Anspielungen nicht verstand. Die waren eher für Größere geeignet.

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